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Industrie 4.0

1.    Die Rechnerleistung der Computer steigt exponentiell. Unendlich möglich gewordene Innovationen eröffnen sich. Wir könnten mit großen Schritten in eine bessere Zukunft der Arbeit eilen.

Technologische  Innovationen lassen sich nicht aufhalten. Der technische Fortschritt hinsichtlich digitaler Hardware, Software und Netzwerke ist „exponentiell, digital und kombinatorisch‟ (Brynjolfsson, Erik und McAfee, Andrew; „The Second Maschine Age – wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird‟; 2014; S. 51).

Nach dem Moore'schen „Gesetz‟ verdoppelt sich alle 18 Monate die Rechnerkapazität der Computer. Diese Entwicklung zeigt sich seit nahezu 50 Jahren. Physikalisch bedingte Grenzen wurden kontinuierlich überwunden. So gab es alle 5-7 Jahre grundlegende Modifizierungen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen (Brynjolfsson/McAfee; S. 51).

Ein Beispiel: In der dt. Autoindustrie liegen die Arbeitskosten derzeit bei mehr als 40 Euro/Stunde, in Osteuropa sind es 11 und in China unter 10 Euro/Stunde. Ein Roboter kostet 3-6 Euro/Stunde (35.000 Stunden Laufzeit bei Gesamtkosten von 100 000 bis 200 000 Euro). Der „Ersatzmann“ für Routinearbeiten wird künftig noch günstiger sein (so VW Vorstand Horst Neumann in: Süddeutsche Zeitung vom 5.10.2014).

2.      Die Arbeit verändert sich mit der neuen Form der Produktionsautomatisierung unter dem Label „Industrie 4.0“, nicht nur auf der Werkstattebene, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungsketten. Ersetzt werden nicht nur Arbeitsplätze auf einfachen und niedrigen Qualifikationsniveaus, sondern auch auf den mittleren Qualifikations- und auf den Leitungsebenen.

Mit Industrie 4.0 werden sich heterogene Aufgaben- und Tätigkeitsstrukturen durchsetzen. Arbeitnehmer werden künftig andere Rollen innehaben. Je nach Beschäftigtengruppe wird es zu unterschiedlichen Betroffenheiten kommen, die sich hinsichtlich Tiefe und Umfang unterscheiden.

Nach dem Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) werden künftig einerseits einfache Tätigkeiten durch Automatisierungssysteme ersetzt und mittlere Qualifikationsebenen Teilsubstituierungen erfahren (vgl. „Technikfolgenabschätzung-Zukunftsreport: Arbeiten in der Zukunft – Strukturen und Trends der Industriearbeit‟ vom 30. Januar 2008; 16/7959; S. 129-130).  Zum anderen wird, aufgrund der erhöhten Komplexität von Fertigungsprozessen und der Dezentralisierung von operative Managementaufgaben, auch eine qualitative Anreicherung der Tätigkeiten erwartet (vgl. 16/7959; S. 129).

Eine Studie der Universität Oxford „The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?” hatte ergeben, dass in den USA etwa 47 Prozent der Bürojobs durch die Technologisierung gefährdet sein (vgl. Frey, Carl B. und Osborne, Michael A., 2013, S. 38). Auf Basis dieser Daten hatte Jeremy Bowles, ein Ökonom der London School of Economics, die Wahrscheinlichkeiten für Europa ausgerechnet (Bowles, J. „The computerisation of European jobs - who will win and who will lose from the impact of new technology onto old areas of employment?”, veröffentlicht am 17.07.2014 auf der Website des Bruegel-Instituts). Für Deutschland sieht er in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren etwa  51,1 Prozent der Bürojobs durch den technischen Wandel in ihrer Existenz gefährdet.

3. Die digitalisierte Industrie 4.0 ist eher eine gesamtgesellschaftliche Chance als eine Bedrohung. Der gesamte Produktionsprozess kann aktiv von intelligenten Produkten gesteuert werden. Es entstehen Plattformen für neue Dienstleistungen und innovative Geschäftsmodelle. Die industrielle Arbeit wird produktiver, komplexe Produkte können billiger werden.

Der Automatisierungsschub kann gute und qualifizierte Arbeit für alle bringen. Knapp die Hälfte aller Produktionstätigkeiten bei VW in Deutschland ist taktgebunden. Der größere und wachsende Teil sind qualifizierte Tätigkeiten: Maschinenüberwachung, Störungsbeseitigung, Reparatur und Instandhaltung etc. (vgl. Neumann; 2014).

Nicht zu unterschätzen ist die Herausforderung für die vielen noch weltmarktführenden klein- und mittelständischen Nischenproduzenten in Deutschland, die Mühe haben werden, ihre Alleinstellungsmerkmale zu erhalten.

4. Perspektive ist nicht die menschenleere Fabrik, sondern die menschenfreundliche Fertigung. Gute Arbeit kann von der Ausnahme zur Regel werden. Es eröffnen sich neue Perspektiven für eine Humanisierung der Arbeitswelt, für eine Arbeitsorganisation, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert, und für neue Beteiligungschancen. Und vor allem ist der Wegfall monotoner, gesundheitsbelastender Arbeit eine Perspektive.

Beschäftigte werden künftig flexiblere und offenere Gestaltungsmöglichkeiten nutzen können, um ihre beruflichen und familiären Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Intelligente Assistenzsysteme werden Facharbeiten weiter erleichtern. Hiervon könnten auch ältere leistungsgeminderte Arbeitnehmer profitieren.

Es wird weniger feste Arbeitsplätze geben, da durch die Digitalisierung diese Bindung obsolet wird. Es entstehen neue Möglichkeiten für die grenzenlose Arbeitsteilung.

Die Facharbeit wird aufgrund der Übertragung von mehr Steuerungskompetenzen anspruchsvoller, und die Arbeitsinhalte des Beschäftigten in der Produktion werden insgesamt vielseitiger und interessanter. Aufgrund abteilungsübergreifender Zusammenarbeiten wird die Produktionsarbeit zudem interdisziplinärer ausgestaltet sein.

Erforderlich ist, dass sich Unternehmen rechtzeitig auf diese modernen Arbeitsformen vorbereiten. „Es ist klüger, sich beizeiten mit der Konstruktion von Brunnen zu befassen, als hinterher über die die hineingefallenen Kinder zu jammern“ (vgl. Interview mit Ulrich Klotz, Computerwoche 3/14).

5.      Mit fortschreitender Digitalisierung der Arbeit in den Produktions- und Dienstleistungssystemen ist die Steigerung der Arbeitslosigkeit keine zwangsläufige Entwicklung.
Die Beschäftigten aus der Wirtschaftswunder- und Babyboomer-Zeit (1955-1975) erreichen in den kommenden Jahren ihr Rentenalter. Großunternehmen wie VW zum Beispiel rechnen fest damit, diesen Rentnerabgang durch Automatisierung der Produktion ersetzen zu können und trotzdem im bisherigen Umfang Nachwuchskräfte einzustellen.

Das Szenario der menschenleeren Fabrik wird zwar als wenig wahrscheinlich gesehen, die Produktion in Industrie 4.0 wird aber weniger Menschen benötigen. Das Fraunhofer-Institut sieht deshalb auch in der Einführung von autonomen Produktionssystemen eine Möglichkeit den Fachkräftemangel zu begegnen (vgl. Interview mit Thomas Bauernhansl in vdi-Nachrichten vom 31.01.2014).

„Wir können glücklich sein, dass die Technologie uns Jobs abnimmt – und den Schmerz fehlender Fachkräfte in Unternehmen lindert“ (Zukunftsforscher Sven Janzky in der WiWo vom 09.05.2014).

Auch nach dem White Paper „Industrie 4.0‟ des wissenschaftlichen Beirats der Plattform Industrie 4.0 (vom 3. April 2014) bietet Industrie 4.0 „die Chance, die Attraktivität von Produktionsarbeit zu steigern und dem absehbaren Fachkräftemangel entgegenzuwirken.“ Es würden so „gute Voraussetzungen geschaffen, durch entsprechende Maßnahmen der Arbeitsgestaltung den wachsenden Anforderungen einer alternden Belegschaft gerecht zu werden.“ (S. 15)

Zwischen 2015 und 2030 werden bei VW etwa 32.000 Beschäftigte in Rente gehen, das sind so viele wie nie zuvor. „Deshalb haben wir die Möglichkeit, Menschen durch Roboter zu ersetzen und trotzdem im bisherigen Umfang Nachwuchskräfte einzustellen. Umgekehrt könnten wir diesen Rentnerabgang auch gar nicht durch junge Mitarbeiter ersetzen“, so VW-Vorstandsmitglied Horst Neumann.

6.    Der Fortschritt durch Industrie 4.0 ergibt sich nicht zwangsläufig, sondern verlangt das Erfüllen gesellschaftlicher Gestaltungsaufgaben. Die neuen Wertschöpfungsnetzwerke und Geschäftsfelder vergrößern die privatwirtschaftlich organisierte Reichtumsproduktion und eröffnen neue einkommens- und finanzpolitische Teilhabechancen. Warum sollte sich der neu produzierte Reichtum nicht so verteilen lassen, dass alle davon einen Vorteil haben?

Innovation ermöglicht Produktivitätssteigerungen und Wachstum, was wiederum mit mehr Reichtum einhergeht (Brynjolfsson/McAfee; S. 157).

Die verbesserte Produktivität muss nicht zwingend zu steigenden Löhnen und Gehältern führen. In jüngerer Vergangenheit haben sich die Löhne von der Produktivität abgekoppelt. So ist schon heute eine verteilungspolitische Schieflage entstanden.

7.      Die neuen Automatisierungsschübe müssen durch Fort- und Weiterbildungsoffensiven begleitet werden. Die Digitalisierung verbessert auch die Chancen der Bildungsvermittlung und steigert die Qualität der schulischen und beruflichen Erstausbildung.

Beschäftigte müssen für ihre zukünftigen Rollen rechtzeitig qualifiziert werden. Hierzu müssten die neuen technischen Möglichkeiten für mobiles, interaktives und situationsadaptives Lernen genutzt werden.

Aufgrund der wachsenden Komplexität bei gleichzeitig abnehmendem Systemverständnis entstehen bei Störungen neuer Systeme schwierige Arbeitssituationen. Die zunehmende Individualität der einzelnen Systemkomponenten und deren Variantenvielfalt machen einfache standardisierte Lösungen nicht mehr möglich. Entsprechend bedarf es eines besonderen Qualifikationsprofils (vgl. Hirsch-Kreinsen 2014; S. 423).

Beschäftigte werden mit hohen Komplexitäts-, Problemlösungs-, Lern- und Flexibilitätsanforderungen konfrontiert. Neben einem erhöhten Wissensvolumen werden künftig umfangreiche Prozesskenntnisse (z. B. über vor - und nachgelagerte Prozessstufen) benötigt (vgl. Joachim Klewes in: WiWo vom 30.09.2014). Soziale Kompetenzen werden einen erhöhten Stellenwert erhalten.

Die Aus- und Weiterbildung läuft dabei technischen Entwicklungen hinterher. Aber Fortbildung kann in Industrie 4.0 Systemen integriert werden: „Ad-hoc-Ausbildungen am Arbeitsplatz‟ werden die klassische Präsenzausbildungen ersetzten. Die Industrie 4.0-Systeme stellen den Mitarbeitern sehr schnell vor Ort Wissen zur Verfügung und unterstützen sie - angepasst an die individuelle Lerngeschwindigkeit - beim Lernen (z. B. durch eingeblendete Zusatzinformationen auf dem Display und Lernvideos), damit eine schnelle Einarbeitung möglich ist. (vgl. Interview mit Thomas Bauernhansl in vdi-Nachrichten vom 31.01.2014)

8.      Der allgemein breit zugängliche und vor missbräuchlicher Nutzung gesicherte Datenfluss ist eine neue Komponente staatlich organisierter Daseinsvorsorge. Notwendig sind vorrangige Investitionen in den Breitbandausbau sowie gesetzliche Regulierungen zur Datensicherheit sowie zum Erhalt von Netzneutralität und nicht zuletzt: mehr Risikomündigkeit der Nutzer.

In der Industrie 4.0 werden sich enorme Datenmengen anhäufen. Hieraus ergeben sich datenschutzrechtliche genauso wie datensicherheitsbezogene Fragen. Die Integrität der Daten muss gewährleistet sein, da Menschen sie sonst nicht teilen. Daten sind der Rohstoff der Industrie 4.0.  

Um möglichen Schwierigkeiten einer wachsenden Vernetzung und Big Data entgegenzuwirken, muss die Gesellschaft über Risiken aufgeklärt werden, um ein eigenverantwortliches Handeln der Gesellschaft mit ihren Daten zu erzielen.

9.    Das historisch gewachsene System der industriellen Beziehungen in Deutschland bietet beste Voraussetzungen, um weiterhin im globalen Wettbewerb eine Spitzenstellung zu sichern und gesellschaftlichen Wohlstand zu garantieren. Notwendig ist deshalb der Erhalt und Ausbau der deutschen Mitbestimmungskultur - eine besondere Herausforderung, weil Entscheidungen im System der Industrie 4.0 die herkömmlichen Betriebszuständigkeiten überschreiten. Darüber hinaus stellen die Fähigkeit industrieller Spezialisierung, die Facharbeiterausbildung, die Kundenorientierung und die komplementäre Fähigkeit, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit ökologischer und sozialer Verträglichkeit zu verbinden, entscheidende Erfolgsfaktoren dar.

In einem Bericht der „MIT Taskforce on Innovation and Production“ von 2013 wird hervorgehoben, dass Deutschland durch ein ausgeprägtes „industrielles Ökosystem“ von Zulieferern, Gewerkschaften, Industrieforschungszentren, Kooperationen und technischen Beiräten, einen entscheidenden Vorteil im internationalen Wettbewerb habe.

10.  Die Politik bleibt zuständig für den Erhalt und für die Verbesserung der gesellschaftlichen Infrastruktur sowie für innovationsfördernde Rahmenbedingungen. Die Forschungs- und Entwicklungsbemühungen der Wirtschaft müssen durch staatliche Forschungsförderung unterstützt werden. Unternehmerische Versäumnisse bei der Förderung der eigenen Innovationspotentiale und beim Nutzen der Investitionschancen kann allerdings auch der leistungsfähigste Staat auf Dauer nicht ausgleichen.

Zurzeit ist Industrie 4.0 noch ein Zukunftsprojekt, in dem noch viele technische und wirtschaftliche Herausforderungen bewältigt werden müssen.

Da Datenschutz, Haftungsrecht und Datensicherheit noch große Lücken aufweisen, ist es wichtig, dass die Bundesregierung entsprechende Vorhaben anstößt bzw. vorantreibt, auch auf europäischer Ebene (Datenschutz-Grundverordnung), um diese Lücken zu schließen.

Die Bedingungen in und Anforderungen an Aus- und Weiterbildung sowie Studium müssen, nach eingehender Prüfung,  länderübergreifend an die Anforderungen der Industrie 4.0 angepasst werden. Die Bundesregierung muss ihren Versprechungen nachkommen (Nationaler IT-Gipfel 2014) und die GründerInnen bei der Digitalisierung der Wirtschaft stärker, insbesondere durch Wachstumsfinanzierung, fördern. Schwierigkeiten, die sich aus den verschiedenen Standards ergeben, sollten politisch – so gut das möglich ist – abgestimmt/vereinheitlicht werden.

Diese Maßnahmen sowie das starke Engagement der Bundesregierung im Rahmen ihrer Hightech Strategie 2020 werden aber alleine nicht ausreichen. Hier ist ein stärkeres und breiteres Engagement der Wirtschaft unverzichtbar. Ansonsten wird Deutschland in diesem Bereich keine führende Rolle einnehmen können.

Unternehmen müssen den organisatorischen Wandel und das Management der Veränderungsprozesse im Rahmen von Industrie 4.0 als Daueraufgabe annehmen. Um (junge) Talente zu gewinnen, werden sie sich stärker öffnen müssen, um mit internationalen Unternehmen wettbewerbsfähig zu bleiben. Wie man junge Mitarbeiter motiviert und wie innovative Wertschöpfungsformen aussehen, könnten Unternehmen vor allem bei den Open Source Projekten im Internet und den Start-Ups sehen. (vgl. Ulrich Klotz, Vom Innovationskiller Macht zur Zukunft der Arbeit, Daimler und Benz Stiftung, Januar 2014, S. 4 ff.).

Eine abschließende Bemerkung:

„Computer sind unglaublich schnell, genau und dumm.
Menschen sind unglaublich langsam, ungenau und brillant.
Zusammen sind sie mächtiger als man sich je vorstellen kann.“

(ein Zitat, fälschlicherweise Albert Einstein zugeschrieben)